Sabbatical-Interview mit Lena #23: neun Monate Weltreise als Paar und der Mut, alles hinter sich zu lassen

50 Länder mit 30 Jahren: Für Lena war Reisen nie nur ein Hobby. Es ist ihre Berufung. Und doch ist es ausgerechnet ein Urlaub in Georgien, der alles verändert. Plötzlich fühlt sich das, was ihr immer Leichtigkeit geschenkt hat, schwer an. Ein Moment, der sie nicht mehr loslässt und der am Ende zum Wegweiser wird. Als sie und ihr Partner zwei Jahre später bei einer Wanderung unabhängig voneinander denselben Gedanken haben, das Geld für die geplante Hochzeit lieber in eine Weltreise zu investieren, weiß sie, dass das ihr Weg ist.

Lena kündigt ihren Job als Führungskraft in der Luxusbranche, um Platz zu schaffen für das, was wirklich zählt. Ihre Welreise dauert neun Monate und führt sie durch 17 Länder. Unbestrittene Highlights sind ihre Yoga-Lehrerinnen-Ausbildung in Thailand, ihr 30. Geburtstag mit Freund:innen in Cartagena und gemeinsame Tauchgänge in Französisch-Polynesien. Vor allem ist es jedoch eine Reise nach innen. Warum Lena alles hinter sich gelassen hat, was sie unterwegs über sich selbst gelernt hat und weshalb diese Reise erst der Anfang war, liest du im Interview.

Kurzinfo zu Lenas Sabbatical
  • Reisemotto: Mich selbst in all meinen Facetten kennenlernen
  • Blog: Gedanken im Gepäck
  • Reiseziele: Asien, Australien, Französisch-Polynesien, Lateinamerika, Nordafrika
  • Dauer: 9 Monate (7,5 gemeinsam, 1,5 solo)
  • von … bis: Anfang Oktober 2024 bis Juni 2025
  • Alter bei Reisestart: Lena 29 Jahre und ihr Partner Leon 30 Jahre
  • Reiseart: als Paar
  • Reisetyp: Backpackerin bis Flashpackerin (Mix aus Backpack-Niveau und Airbnbs bzw. einfachen, schönen Hotels, wenn auch selten; keine Hostels, auch mal Luxus)
  • Koffer oder Rucksack: Rucksack
  • Monatsbudget pro Person: 2778 Euro
  • Gesamtbudget pro Person: 25.000 Euro (davon 20.000 Euro für die gemeinsame Reise und jeweils 5000 Euro für eigene Projekte, wie z.B. die Yoga-Lehrerinnen-Ausbildung bei Lena)
  • Impfungen: Japanische Enzephalitis, Tollwut, Gelbfieber, Hepatitis
  • Job: gekündigt
  • Wohnung: untervermietet (in Berlin kein Thema)
  • Aus Deutschland abgemeldet: nein
  • Versicherungen auf Reisen: Reise-Krankenversicherung (Hanse Merkur)
  • Kranken- und Rentenversicherung in DE: abgemeldet (KV) und pausiert (RV)
Lena beim Sonnenaufgang am Vulkan
Lena beim Sonnenaufgang am Vulkan

Vor der Auszeit warst du als Chief Operating Officerin (COO) mit starkem Karriereweg unterwegs. Was war der Moment, in dem du wusstest: Ich drücke jetzt die Pause-Taste?

Der Moment liegt schon etwas zurück. In einem Urlaub in Georgien habe ich gemerkt, dass sich etwas verändert hat. Reisen war für mich immer Leichtigkeit, Freude, Freiheit. Doch diese Reise fühlte sich schwer an. Ich war nicht ich selbst und musste mich fragen, warum.

Dort begann meine Reise zu mir selbst. Ich wollte verstehen, was aus dem Gleichgewicht geraten war und wie ich zurückfinde. Reisen hat mir schon immer geholfen, Zugang zu mir zu bekommen.

Anfangs funktionierte das noch parallel zum Job und ich verstand immer mehr. Doch während meiner ersten Solo-Reise durch Sri Lanka wurde mir bewusst, dass mein Job Teil meines „Problems“ ist und die Luxusbranche, in der ich damals arbeitete, mich recht weit von der Lena entfernt hatte, die ich eigentlich bin. Also gab es für mich keinen anderen Weg, als wirklich auszusteigen.

Lena unterwegs
Lena unterwegs

Ich wollte mich selbst kennenlernen und zu der freudigen, begeisterten Lena zurückfinden.

War deine Auszeit lange geplant oder eher eine spontane Bauchentscheidung?

Beides. Mit meinem damaligen Partner hatte ich schon eine Weile über eine längere Reise gesprochen. Ursprünglich wollten wir als Hochzeitsreise drei bis sechs Monate weg.

Doch irgendwann fühlte sich die Vorstellung, zu heiraten, erdrückend an. Noch erdrückender war der Gedanke, nur für kurze Zeit zu reisen und wieder in mein “altes” Leben gehen zu müssen. Ich wusste, ich brauchte mehr. Und die Freiheit, nochmal komplett neu zu entscheiden.

Bei einer Wanderung hatten wir unabhängig voneinander dieselbe Idee: Warum nicht das Geld für die Hochzeit nehmen und stattdessen eine Weltreise machen?

Auf meiner ersten Solo-Reise in Sri Lanka wurde mir dann endgültig klar: Ich will nicht mehr warten und möchte die vage Idee schnellstmöglich umsetzen. Sechs Monate später waren wir unterwegs.

Wie hat dein Umfeld reagiert: Arbeitgeber, Kolleg:innen, Familie?

Mein Arbeitsumfeld hat meine Entscheidung verstanden, auch wenn viele traurig und vor allem überrascht waren. Die wenigsten hatten damit gerechnet, dass ich gehen würde, schließlich habe ich die Firma stark mitgeprägt. Auch mein Chef hatte Verständnis und weiß, dass so ein Abschied zwar schmerzhaft ist, aber gleichzeitig eine Chance für jedes Unternehmen sein kann.

Meine Freund:innen haben sich für mich gefreut und waren kaum überrascht. Ähnlich war es in meiner Familie. Trotzdem kamen von unterschiedlichen Seiten Zweifel auf. Nicht jeder konnte nachvollziehen, dass ich bewusst in die Arbeitslosigkeit gehe, einen „so tollen“ Job hinter mir lasse und mich für die Unsicherheit entscheide.

Hattest du Angst vor einem Karriereknick?

Nicht wirklich. Ich wusste schon vorher, dass ich danach selbstständig sein möchte und die Reise eine Hilfe sein könnte. Natürlich gab es den Gedanken: Was, wenn es nicht klappt?

Aber ich sehe es so: Wenn ein:e Arbeitgeber:in meine Reise nicht versteht, passt er/sie vermutlich nicht zu mir.

Denn ich habe auf dieser Reise vielleicht keine klassischen Business-Skills aufgebaut, aber ich bin enorm gewachsen. In meiner Wahrnehmung, meiner Menschenkenntnis, meinem Bewusstsein. Und ich habe auch fachlich gelernt: Bücher gelesen, mich intensiv mit KI beschäftigt, Social Media neu verstanden.

Ich würde sogar sagen: Heute wäre ich eine bessere Führungskraft als damals.

Wie war deine Reiseroute? Wann und wie lange warst du unterwegs?

Lena im Meer
Im Meer

Ich war insgesamt neun Monate unterwegs: vier Monate in Asien, einen Monat in Ozeanien, drei Monate in Lateinamerika und einen Monat in Nordafrika. Hier die Route auf den unterschiedlichen Kontinenten im Detail:

Route durch Asien

  • China, (nur 1 Nacht in Shanghai)
  • Japan (2 Wochen),
  • Honkong (1 Nacht),
  • Philippinen (2 Wochen),
  • Rundreise Indonesien (6 Wochen),
  • Vietnam (3 Wochen),
  • Thailand (4 Wochen),
  • Malaysia (nur Kuala Lumpur, 2 Nächte),
  • Singapur (3 Nächte).

Route durch Ozeanien

  • Australien (Sydney und Adelaide für 2 Wochen) und
  • Französisch-Polynesien (2 Wochen) – die meiste Zeit auf Moorea und Bora Bora.

Route durch Lateinamerika

  • Mexiko (2 Wochen),
  • Guatemala (3 Wochen),
  • Panama (1 Woche).
  • Von dort segelten wir nach Kolumbien (3 Wochen), um meinen 30. Geburtstag mit Freund:innen zu feiern und in den Amazonas zu fliegen.
  • Zu Fuß ging es über die Grenze nach Ecuador (2 Wochen).

Route durch Nordafrika

  • Danach sind wir für eine Hochzeit nach Tunesien (10 Tage) und
  • waren zum Schluss in Marokko (knapp 2 Wochen).

Wie konkret hast du im Voraus deine Reiseroute festgelegt?

Sehr unkonkret, eigentlich nur die Richtung. Also, dass wir in Asien anfangen und uns nach Südamerika durchschlagen. Dass Afrika dann doch noch auf die Agenda gerutscht ist, war eher Zufall durch die Einladung zur Hochzeit.

Allerdings hatten wir von Anfang an ein paar Fokuspunkte. Vor dem Abflug waren bereits China → Japan → Hongkong → Philippinen gebucht, damit wir nicht schon mit Planungsstress in die Reise starten. Danach war alles offen bis Ende des Jahres.

Lena nach dem Yoga Teacher Training in Thailand
Lena nach dem Yoga Teacher Training in Thailand

Ich wusste, dass ich im Januar ein Yoga Teacher Training in Thailand machen möchte, das ich aber erst während der Reise gebucht habe. Vorab waren ebenfalls die Flüge nach Bora Bora gebucht sowie der Weiterflug von Tahiti nach Los Angeles, von wo aus wir nach Mexiko weitergeflogen sind. Außerdem war klar, dass ich meinen 30. Geburtstag in Cartagena feiere, weil dort auch einige Freund:innen anreisten. Alles andere haben wir spontan und vor Ort entschieden.

Welche Rolle spielte das Tauchen auf eurer Reise? Was waren deine Lieblingsspots?

Lena beim Tauchen
Lena beim Tauchen

Da Leon Dive Master ist, hat das eine gewisse Rolle gespielt. Zumindest so weit, dass wir an jedem Ort, an dem es möglich war, Tauchmöglichkeiten gecheckt haben. Letzten Endes waren wir allerdings gar nicht so viel tauchen, weil entweder das Wetter oft nicht mitgespielt hat oder jemand von uns erkältet war.

Unsere liebsten Spots waren in Französisch-Polynesien (dort gab es unzählige Schildkröten, Haie und wunderschöne Fische) sowie in Panama – ebenfalls mit Riffhaien.

Würdest du die Reise heute nochmal genauso machen? 
(Wenn nein, was würdest du anders machen?)

Lena vor den Pyramiden von Theotihuacan in Mexiko
Lena vor den Pyramiden von Theotihuacan in Mexiko

Würde ich noch einmal vor der Reise stehen, würde ich sie wieder genauso machen, um all das so zu erleben, wie ich es erlebt habe – und um all das zu lernen, was ich gelernt habe.

Für eine zweite Weltreise würde ich heute allerdings einiges anders machen. Viel mehr Tempo herausnehmen. Noch außergewöhnlichere Ziele suchen. Und länger an Orten bleiben, um diese intensiver wahrzunehmen.

Du hast mit deinen 30 Jahren schon 50 Länder besucht und dich auch beruflich viel mit Reisen beschäftigt. Deine Tipps für das beste Preis-Leistungs-Verhältnis auf Reisen?

Ein Zimmer bei Airbnb buchen, bei Einheimischen zu Hause. Klar ist es oftmals schöner, eine Wohnung für sich zu haben, aber bei einem Zimmer bekommt man wirklich mit, wie das Leben vor Ort ist, und wird ganz oft eingeladen, Dinge gemeinsam zu unternehmen oder sogar mit der Familie zu essen. Für mich sind dadurch die besten Erfahrungen auf Reisen entstanden.

Außerdem kann ich nur empfehlen, Preise auf den üblichen Seiten zu vergleichen. Gerade in Asien gibt es oft Anbieter, die deutlich günstiger sind als z. B. Booking.com.

Und generell lohnt es sich, mit Locals zu sprechen, Preise abzufragen oder nach Orten zu fragen, wo die Locals selbst hingehen. Denn oftmals zahlt man als Tourist:in deutlich mehr, wenn man eigentlich gar keine Ahnung hat.

Neun Monate mit Partner unterwegs, nicht selten 24/7: Was hat eure Beziehung gestärkt? Was war herausfordernd?

Lena und Leon auf der Weltreise
Lena und Leon auf der Weltreise

Neun Monate gemeinsam unterwegs zu sein, war stärkend und herausfordernd zugleich. Denn im Alltag kommt man selten in Situationen, in denen man sich so viel absprechen muss oder so oft in Extremsituationen unterwegs ist.

Es hat uns beide definitiv gestärkt, weil wir gelernt haben, wirklich klar zu kommunizieren und unsere eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Gleichzeitig hat es uns auch als Paar gestärkt, weil wir gemeinsame Visionen entwickelt und besser verstanden haben, was den anderen bewegt.

Trotz allem gab es unglaublich viele Herausforderungen. Dem anderen genügend Freiraum zu geben. Eigene Probleme und Unzufriedenheiten nicht auf den anderen abzuwälzen und Entscheidungen für sich selbst zu treffen – auch wenn sie dem anderen nicht gefallen.

Für uns verlief die Reise anfangs als Paar etwas herausfordernder, allerdings haben wir uns nach einiger Zeit gut eingespielt und sind individuell an unseren Themen gewachsen. Wir beide haben beim Reisen schon immer am besten funktioniert (wir kommen beide aus der Tourismusbranche), und das hat vieles einfacher gemacht.

Die größte Herausforderung kam tatsächlich erst, als wir wieder zurück im Alltag waren, womit wir beide nicht gerechnet hatten. Denn zwei Monate nach unserer Weltreise haben wir uns getrennt.

Was war das Schlimmste, das euch auf der Reise passiert ist?

In Indonesien ist uns am späten Abend jemand auf dem Roller hinten aufgefahren. Das alleine ist kein großes Problem, weil niemandem etwas passiert ist.

Aber der Fahrer war alkoholisiert und hat daraus ein großes Problem gemacht und wollte Geld von uns, obwohl er uns hinten reingefahren ist. Nachdem wir ihm dafür kein Geld geben wollten, hat er uns mit dem Leben bedroht. Um uns herum hat sich eine Traube an Menschen gebildet und niemand hat uns so richtig geholfen. Irgendwann hat jemand übersetzt, dass er Leute anruft, dass sie mit Messern kommen sollen, um ihm zu helfen. Währenddessen ist er mir gegenüber handgreiflich geworden, und eine Polizei gab es in dem kleinen Ort nicht so wirklich.

Spätestens da hatte ich wirklich große Angst und wusste nicht, wie wir aus der Situation kommen. Letzten Endes kam ein Freund von ihm, glücklicherweise ohne Messer und hat versucht zu schlichten. Es ging nur um Geld, und wir haben letzten Endes und nach über einer Stunde Diskussion 25 Euro gezahlt und sind weggefahren.

Meine Angst ging trotzdem nicht so schnell weg, weil es tief erschütternd ist, wenn jemand dir in die Augen schaut und schreit: I will kill you.

Was waren deine schönsten Erlebnisse? Welche Träume hast du dir erfüllt?

Lena surft
Richtig surfen lernen, war eines von Lenas Highlights auf der Weltreise

Meine schönsten Erlebnisse waren oft die, die mich weit aus meiner Komfortzone geholt haben:

  • Als ich eine mehrtägige Trekkingtour durch den Amazonas gemacht habe.
  • Als ich nach einer fünftägigen Segeltour von Panama nach Kolumbien (im Sturm) in den Hafen von Cartagena eingelaufen bin – oder unterwegs eine Gruppe von Delfinen gesehen habe.
  • Als ich auf Moorea mit Stachelrochen geschwommen bin.
  • Als ich meinen 30. Geburtstag in Cartagena gefeiert habe, umgeben von Freund:innen aus Deutschland.
  • Als ich in Ecuador in einem Kindergarten mitgeholfen habe.
  • Als ich nach dem Surfen mit dem Roller durch Lombok gefahren bin.
  • Als ich das erste Mal in einer Salsoteca (eine spezielle Art von Tanzlokal, Disco oder Bar, die sich auf karibische Musik und Tänze konzentriert) in Cali in Kolumbien war.
  • Als ich meinen Bruder und seine Freundin in Mexiko getroffen habe.
  • Als ich das erste Mal das unglaubliche Meer auf Moorea gesehen habe.
  • Als ich den Vulkan in Guatemala bestiegen habe oder Yoga mit Blick auf den Lake Atitlán gemacht habe.
  • Als ich Silvester über den Dächern von Bangkok gefeiert habe und am nächsten Tag zu Freunden nach Koh Samui geflogen bin.

Es gibt noch so viele mehr, aber das sind die Highlights, die mir besonders im Kopf geblieben sind. Träume, die ich mir erfüllt habe: nach Französisch-Polynesien zu fliegen. Richtig surfen zu lernen (in Lombok). Eine Yoga-Teacher-Ausbildung zu machen (in Thailand). Spontan zu entscheiden, am nächsten Tag woanders hinzufliegen. Japan zu besuchen. Jeden Tag mit dem Roller über Inseln zu fahren (Philippinen und Indonesien) und wieder in Kolumbien zu sein.

Was hast du gegen Heimweh oder Reisemüdigkeit gemacht?

Lena auf dem Liegestuhl am Meer
Lena auf dem Liegestuhl am Meer

Ich hatte tatsächlich nie richtig Heimweh, was mich selbst etwas überrascht hat. Trotzdem habe ich mich manchmal nach einem Zuhause gesehnt: nach einem Ort, an dem ich mich wohlfühle, selbst kochen kann und einfach nichts tun muss.

In solchen Momenten habe ich mir eine schöne Unterkunft genommen, die mir genau das gegeben hat, auch wenn sie über dem Budget lag. In dieser Zeit habe ich versucht, ein möglichst „normales“ Leben zu führen: früh aufstehen, Sport machen, selbst kochen, vielleicht ins Kino gehen oder im Park spazieren. Und sonst nichts planen, außer man hat spontan Lust darauf.

Das habe ich zum Beispiel in Guatemala, in Hanoi, in Kolumbien und an vielen anderen Orten so gemacht. Für mich war das Gold wert.
 Außerdem habe ich viel Yoga gemacht (fast jeden Morgen) und regelmäßig meine Gedanken aufgeschrieben. Um meine Erlebnisse zu verarbeiten, habe ich sogar ein Buch über die Weltreise geschrieben, weil ich oft das Gefühl hatte, dass mein Kopf sonst platzt.

Was hat dir die Reise geschenkt? Du hattest ja geplant, dich in all deinen Facetten kennenzulernen. Hat das geklappt?

Die Reise hat mir so viel mehr geschenkt, als ich mir jemals hätte wünschen können. Vor allem innere Ruhe und neue Perspektiven, die ich in Deutschland so nie entwickelt hätte. Sie hat mir viele Soft Skills beigebracht: Entscheidungen zu treffen, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und dem Leben mehr zu vertrauen, statt alles kontrollieren zu wollen.

Ich bin stärker und selbstbewusster geworden und habe verstanden, was im Leben wirklich wichtig ist. Und ja – ich habe viele Facetten von mir kennengelernt. Ich bin so oft aus meiner Komfortzone gegangen, dass ich ganz unterschiedliche Versionen von mir erleben durfte.

Ich habe mich selten so frei und lebendig gefühlt und neue Hobbys entdeckt wie Surfen, Tanzen oder Schreiben. Vor allem aber hat mir die Reise Klarheit geschenkt und einen beruflichen Weg, den ich jetzt als Mentorin und Perspektivgeberin weitergehe.

Wenn du heute auf die Lena vor September 2024 schaust: Was würdest du ihr sagen?

  1. Dass sie vor nichts Angst haben muss und alles genauso kommt, wie es kommen soll.
  2. Dass es die richtige Entscheidung war, den sicheren Job zu verlassen, um etwas für sich selbst zu tun.
  3. Und dass sie sich keinen Stress machen muss, weil es nicht mehr ums Leisten geht, sondern ums Erleben und Fühlen.

Zurück in Deutschland: Du bist zurück nach Berlin gekommen, und es hat sich nicht richtig angefühlt. Was genau hat nicht gepasst?

Als ich zurück nach Berlin gekommen bin, habe ich gemerkt: Für alle anderen ist das Leben einfach weitergelaufen, während sich für mich alles verändert hat.
 Freundschaften haben sich verändert, weil ich heute viel klarer weiß, was ich brauche. Auch der Alltag hat sich oft viel zu eng angefühlt.
 Morgens aufstehen, ins Büro hetzen, 8 bis 9 Stunden arbeiten, wieder hetzen, müde ins Bett fallen – und sich dazwischen noch beschweren. Das ist überspitzt, aber so oder so ähnlich habe ich es oft wahrgenommen.
 Und ich habe gemerkt: So möchte ich nicht mehr leben.

Gleichzeitig war es herausfordernd, dass so viele Menschen klare Pläne hatten, während ich bewusst keine machen wollte, um meine Leichtigkeit zu behalten.
 Das hat dazu geführt, dass ich mich wieder mehr angepasst habe, als ich eigentlich wollte – und schnell wieder in ein „Ich muss leisten“ gefallen bin.
 So sehr, dass ich Berlin nach sechs Monaten wieder verlassen habe, weil sich alles zu eng angefühlt hat.

Was hat sich nach dem Sabbatical für dich verändert?

Meine Sicht auf das Leben – vor allem darauf, was wirklich wichtig ist.
 Ich kaufe kaum noch neue Kleidung, keine Luxusgegenstände mehr. Meine Wohnung fühlt sich oft zu groß an.
 Meine Gesundheit und meine Beziehungen stehen an erster Stelle. Ich habe weniger, aber tiefere Freundschaften.

Auch meine Arbeitsweise hat sich komplett verändert. Früher war ich oft von morgens bis abends im Büro. Heute nehme ich mir bewusst Zeit für mich und meine mentale Gesundheit.
 Flexibilität ist mir am wichtigsten geworden – und Dinge nicht mehr kontrollieren zu wollen. Wenn etwas nicht funktioniert oder zu schwer ist, soll es vielleicht einfach nicht sein. Oftmals kommt dann etwas besseres um die Ecke.

Was hast du finanziell aus der Reise gelernt?

Dass wir Geld oft überbewerten. Klar ist Geld wichtig und gibt uns eine gewisse Sicherheit. Doch früher hatte ich bei einem bestimmten Kontostand oft absolute Panik und dachte, ich hätte kein Geld mehr, obwohl das so weit von der Realität entfernt war.

Sein Geld Tag für Tag auszugeben, während kein neues reinkommt, ist eine ganz schöne Herausforderung, aber irgendwie auch befreiend. Weil es ein Investment ist: in sich selbst. Und weil man endlich mit dem Geld etwas macht, was einen wirklich erfüllt. Und es für etwas einsetzt, was man mit keinem Geld der Welt bezahlen kann: Erlebnisse, von denen man ein Leben lang zehrt.

Ich habe gelernt, dass Geld wirklich nicht das ist, was einen primär glücklich macht, sondern Verbindungen zu anderen Menschen. Doch ich habe auch gelernt, dass es okay ist, wenn man sich nicht immer alles gönnen kann, was man möchte, und auch mal verzichtet. Genau darin liegt oft ein großer Wert – und man lernt, flexibler zu werden.

Und vor allem habe ich gelernt, dass man sich selbst an weniger schöne Unterkünfte nach ein paar Tagen gewöhnt. Und dass man diese Dinge irgendwann sogar so lieb gewinnt, dass man sie später vermisst.

Ausblick: Was wäre dein Tipp für jemanden, der:die überlegt, ein Sabbatical zu machen, sich aber vielleicht noch nicht so richtig traut?

Es einfach zu machen.

Und jetzt im Ernst: Mit Leuten sprechen, die es schon gemacht haben. Sich von jemandem währenddessen begleiten lassen. Oder klein anfangen. Erstmal vielleicht mit einem Monat gemeinsam mit jemand anderem, dann einen Monat alleine und dann irgendwann länger.

Oder sich einen Rahmen schaffen, in dem man sich sicher genug fühlt, zum Beispiel, indem das Unternehmen einen unterstützt.

Über Lena Goller

Lena Goller, Foto Laura Markert
Lena Goller, Foto Laura Markert

Ich bin Lena, 30 Jahre alt, und arbeite seit jeher in der Tourismusbranche. Ich sehe Reisen nicht nur als ein Hobby, sondern als meine Berufung.

Ich habe schon alle Arten von Reisen erlebt – von den schäbigsten Hostels bis zur First Class bei Emirates. Ich interessiere mich für Kulturen und das lokale Leben vor Ort und vor allem dafür, was man unterwegs wirklich lernen kann.

Meine Begeisterung hat kein Ende, und am liebsten wäre ich eigentlich konstant unterwegs. Deswegen baue ich gerade meine eigene Selbstständigkeit auf, bei der ich Frauen auf ihrer inneren und äußeren Reise unterstütze und selbst immer wieder unterwegs bin, um von meinen Erfahrungen zu berichten.

Schau doch mal auf meiner Website Unpacked vorbei oder abonniere meinen Newsletter auf Substack. Auf Instagram findest du mich unter @lensoo und @weareunpacked.

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