Sabbatical-Interview mit Ulla #19: solo mit Zug und Rucksack durch Europa zum Sprachkurs nach Porto

Einsteigen, bitte! So begann das rund dreimonatige Mikro-Sabbatical von Lehrerin Ulla. Auf Schienen reiste die Hamburgerin ganz gemächlich von Hamburg über Frankreich und Spanien bis nach Portugal. Unterwegs besuchte sie Freund:innen, blieb, wo es schön war, und ließ sich einfach treiben. In Porto begann ihr Sprachkurs und mit ihm eine neue Zeit mit einer täglichen Dosis Galao und Pastel de Nata.

Ulla lernte Portugiesisch, wanderte auf dem Jakobsweg immer am Meer entlang und genoss das Gefühl völliger Freiheit. Ihr Geheimnis: kein großer Plan, sondern Neugier, Mut und eine unvoreingenommene Lust auf das Unbekannte. Warum Ullas Mikro-Sabbatical die perfekte Auszeit für Einsteiger:innen ist, wie sie auf Reisen mühelos günstig unterwegs war und was sie gegen Reisemüdigkeit gemacht hat, erfährst du im Interview. Viel Spaß beim Lesen.

Kurzprofil Ullas Europa-Reise
  • Reiseziele: Frankreich, Spanien, Portugal, England
  • Dauer: rund 3 Monate
  • von … bis: 4.-7.2024
  • Alter bei Reisestart: 44
  • Reiseart: Solo
  • Reisetyp: zwischen Backpackerin und Flashpackerin
  • Koffer oder Rucksack: Rucksack, ca. 60 L, gepackt wie für eine Woche, plus nen bisschen Tüdelkram, plus normalen Tagesrucksack
  • Monatsbudget: 1300 Euro
  • Gesamtbudget: ca. 4000-5000 Euro
  • Impfungen: nein
  • Job: klassisches Sabbatjahr-Modell, danach Rückkehr in den Job
  • Wohnung: behalten, Miete weiter, Partnerin hat noch da gewohnt
  • Aus Deutschland abgemeldet: nein
  • Versicherungen auf Reisen: Auslands-KV, für Europa unkompliziert
  • Kranken- und Rentenversicherung in DE: lief übers Gehalt weiter

Wie war deine Route

Los ging es von Hamburg Sternschanze über Frankfurt, Paris bis Toulouse, für einige Tage Madrid, Vigo und 10 Tage später erreichte ich Porto mit dem Zug, wo ich für ungefähr einen Monat bin. Geplant war ein zweiwöchiger Sprachkurs, daraus wurden vier Wochen. Es hat einfach zu viel Spaß gemacht, in dem schönen Porto zu verweilen.

Ulla Bahnsteig Porta
Angekommen in Porto

Mit dem Ziel Lissabon ging es weiter auf der Reise mit den Comboios de Portugal (die portugiesischen Züge) nach Süden über Ovar, Aveiro, Coimbra, Tomar und Vila Franca de Xira.

Hinein in das abenteuerlich schöne, touristisch überfüllte Lissabon, um nach einer Woche ein wenig Ruhe und viel Natur in Sintra und Umgebung zu finden – und zu entscheiden, was als nächstes folgt.

Auf dem portugiesischen Jakobsweg

Viana do Castelo
Viana do Castelo liegt in Nordportugal an der Mündung des Flusses Rio Lima in den Atlantik.

Zurück nach Porto und nach einer weiteren Woche Sprachkurs (es fühlte sich an wie nach Hause zu kommen) ging es los auf dem portugiesischen Jakobsweg von Porto bis Valenca (letzter Ort vor Spanien). Nur mit einem Tagesrucksack, immer nach Norden, immer am Atlantik, immer mit Sonne von oben und im Herzen. Was für eine tolle Erfahrung! Zurück mit dem Zug nach Porto und die gelaufene Strecke noch einmal gesehen.

Rückreise über London

Ulla am Bahnhof von Montpellier in Frankreich
Start der längsten Etappe: Ulla am Bahnhof von Montpellier in Frankreich

Von Porto habe ich auch meine Rückreise begonnen: über Vigo nach Santiago de Compostela, Pontevedra, Zaragosse, wo es mit 36°C sehr warm war, und weiter nach Montpellier – sehr schöne Stadt.

Die längste Zugfahrt habe ich  am 2.7. von Montpellier in Frankreich über Paris, durch den Tunnel direkt nach London  bis nach Derby in England gemacht. 1425 km! Start in Montpellier um 7.52 Uhr, Ankunft in Derby 18.34 Uhr. Knapp 11 Stunden war ich unterwegs.

Am Ende der Reise bin ich noch zwei Wochen in Großbritannien geblieben und habe unterschiedliche Leute besucht. Mitte Juli bin ich schließlich mit dem Flieger von London nach Hamburg zurückgereist. Mein einziger Flug der Reise.

Wie konkret hast du im Voraus deine Reiseroute festgelegt?

Die Reisevorbereitung war sehr entspannt, weil ich nur in Europa unterwegs war. Vom 4.4.24 bis 15.7.24 war ich auf meiner Solo-Reise durch Europa, vor allem in Portugal, unterwegs. Ich habe eher klassisch mit Papier und Stift anstelle von Excel-Tabellen oder ähnlichem geplant. Um Weihnachten herum habe ich den Sprachkurs in Porto klar gemacht, der Mitte April vor Ort begann.

Großer und kleiner Rucksack in gelb und türkis
Ullas Reisegepäck: mit zwei Rucksäcken hat sie „die Schildkröte“ gemacht.

Für die Reiseplanung mit dem Zug habe ich Freund:innen in Frankreich und Spanien nach Tipps gefragt und die Züge von Hamburg bis nach Porto dann entsprechend bereits im Januar/Februar gebucht. Die Schnellzüge, mit denen man große Strecken zurücklegen kann, sind auch im Rest Europas teuer, und man sollte sie möglichst früh buchen. In Portugal selbst bin ich viel mit der Regionalbahn gefahren, ich war ja auch zeitlich flexibel.

Auch bei meiner Rückreise aus Portugal habe ich die schnelleren Züge eher gebucht, und da ich ab 11. Juli in London sein wollte, habe ich von da zurückgerechnet und geplant.

Warum hast du dich für dieses Mikro-Sabbatical entschieden?

Ulla mit Mural in Porta
Kleine Ulla mit riesigem Mural in Porto

Ich hatte das Gefühl, mal wieder aus den eigenen Routinen ausbrechen zu wollen, außerdem den Wunsch, in ein Land zu gehen, dessen Sprache ich noch nicht kann.

So kam die Idee mit Porto: eine kleinere Stadt, die ich auch als Ankerpunkt für den Anfang gesehen habe. Vor Ort gab es ein gewisses Ankommen für eine längere Zeit und so auch eine Routine, auch durch die Sprachschule, die ich sehr empfehlen kann: Fast Forward heißt sie. Ich hab ich mich sofort zuhause gefühlt.

Weil ich gern Zug fahre, dachte ich mir, warum nicht die Reise nach Porto mit dem Zug machen? Ich hatte ja Zeit und konnte spontan entscheiden.

Was hat deine Vorgesetzte zu deinem Wunsch gesagt?

Ich bin Lehrerin und habe in der Schule ungefähr ein drei Viertel Jahr vorher angefragt, ob eine Auszeit mit einem klassischen Sabbatjahr-Modell überhaupt möglich wäre. Nachdem dies klar war, ging es nur noch um den finanziellen Aspekt: Ich habe ca. die halbe Zeit Vollzeit gearbeitet, von April bis August 2024 hatte ich frei. Durch die regulären Ferien hatte ich etwas länger frei. Über den gesamten Zeitraum habe ich die Hälfte meines Gehaltes bekommen. Alles ließ sich recht spontan und unkompliziert organisieren.

Deine Tipps, um kostengünstig zu reisen?

Mindelo am Meer
Vogelreservat Mindelo am Camino Português

Grundsätzlich habe ich während meiner Reise nicht besonders aufs Geld geachtet. Das lag daran, dass ich ja „nur“ drei Monate unterwegs war und ohnehin eher kostengünstig reise. Das hat einfach damit zu tun, wie ich generell unterwegs bin. Ich gehe nicht in High-End-Läden, das mache ich zu Hause schließlich auch nicht.

Auch meine Fortbewegung war preiswert: Bis auf eine Ausnahme bin ich ausschließlich mit dem Zug gefahren. Ich war langsam und flexibel unterwegs. Zur Sprachschule in Porto bin ich meist zu Fuß gegangen, als Training für den Camino.

Ich versorge mich auf Reisen gern selbst und achte bei der Unterkunft darauf, dass es eine kleine Küche oder Kochnische gibt. Gebucht habe ich klassisch über Booking oder Airbnb. Auf kleinen lokalen Märkten freue ich mich über ein frisches Stück Brot, Tomaten und Käse – fertig. Wenn man so will, spare ich beim Essen gehen. Aber nicht aus Verzicht, sondern weil ich das andere einfach lieber mag.

Pastel de Nata und Galao
Pastel de Nata und Galao

In Porto habe ich mich jeden Tag auf meinen lokalen Kaffeedealer gefreut: Dort kosteten ein Galao und ein Pastel de Nata zusammen nur 2,50 Euro. Das war mein tägliches Ritual 🙂 In Portugal gab es außerdem überall günstige Suppen (das ist da irgendwie eine große Sache) und zu einem Bier fast immer eine kleine Portion Tremocos (Lupinen). Trotzdem bin ich auch gern mal Essen gegangen und habe es genossen, Neues auszuprobieren.

War es schwer für dich, dich alleine auf den Weg zu machen oder alleine unterwegs zu sein?

Ulla am Bahnhof von Colchester
Auf der letzten Etappe in England unterwegs: Ulla am Bahnhof von Colchester

Es war für mich gar nicht schwer, alleine loszumachen. Natürlich hatte ich Respekt davor, aber genau deshalb hatte ich mir den Sprachkurs und Porto als ersten festen Ort ausgesucht. Das gab mir Struktur und Sicherheit für den Anfang.

Unterwegs habe ich Freund:innen besucht und sogar spontan Menschen getroffen, zum Beispiel meinen ehemaligen Nachbarn oder die Eltern meiner spanischen Kollegin in Madrid. Insgesamt kam ich besser allein zurecht, als ich anfangs gedacht hätte. Wahrscheinlich, weil meine Reise sehr abwechslungsreich war.

Da ich schon öfter im Ausland gelebt habe (in England, Italien und Kanada) war mir das Gefühl des Fremdseins an einem neuen Ort vertraut. Neu war für mich eher, über einen längeren Zeitraum zu reisen.

Was war das Schlimmste, das dir auf der Reise passiert ist?

Ehrlich gesagt fällt mir da nichts wirklich Erwähnenswertes ein. Es gab keine brenzligen Situationen: Mein Portemonnaie wurde nicht geklaut, ich wurde nicht überfallen, und ich habe nicht einmal einen Zug verpasst.

Ich bin grundsätzlich ein sehr positiver Mensch und komme gut mit mir allein zurecht. Das Einzige war vielleicht, dass ich lange nicht wusste, was ich nach Lissabon machen wollte. Und ob ich überhaupt noch Lust hatte, rumzufahren.

Ulla in Sintra
Ulla bei Sonnenschein in Sintra

Nach Lissabon bin ich schließlich nach Sintra gefahren, wo ich eigentlich nur ein bis zwei Nächte bleiben wollte. Dann habe ich die sehr nette Besitzerin meiner Unterkunft kennengelernt und bin am Ende eine ganze Woche geblieben.

Die Sprache war für mich ein riesiger Tür- und Herzensöffner. Dadurch wurde vieles leichter: Die Portugies:innen waren sehr wertschätzend, dass ich ihre Sprache gelernt habe, und für mich wurde es leichter, weil ich mich schon nach kurzer Zeit gut verständigen konnte.

Was waren deine schönsten Erlebnisse?

Ulla auf dem Camino bei Valenca
Ulla auf dem Camino bei Valenca

Jeden Tag war ich unheimlich dankbar, dass ich aufstehen und mir überlegen konnte, was ich mache. Auch auf dem Jakobsweg ging es mir so. Ich fand es den Wahnsinn, jeden Tag am Meer entlangzulaufen. Was für eine Freiheit!

Ich hatte keinen finanziellen Stress, und das habe ich als großes Privileg empfunden. Dadurch konnte ich mich in dieser Zeit richtig entspannen und meine Alltagsroutinen schnell hinter mir lassen.

Es gab viele kleine Momente, die einfach schön waren und diese Zeit zu einer besonderen gemacht haben.

Was hast du gegen Heimweh oder Reisemüdigkeit gemacht?

Hochgelegte Füße im Zug
Bei Reisemüdigkeit hilft Füße hochlegen 🙂

Heimweh hatte ich gar nicht, aber ab und zu war ich etwas reisemüde. Manchmal hatte ich einfach keine Lust, weiterzuziehen. Dann bin ich geblieben, habe mich auf die Couch gelegt, nichts gemacht oder einfach ferngesehen. Das kam vielleicht zwei- oder dreimal während der ganzen Zeit vor.

Vieles hat sich ohnehin spontan ergeben, zum Beispiel der nette Vermieter in Porto, bei dem ich meinen großen Rucksack lassen konnte, als ich auf dem Camino unterwegs war.

Vorab habe ich Freund:innen nach Empfehlungen gefragt und unterwegs oft mit Locals gesprochen, die mir tolle Tipps gegeben haben.

Reise-Tagebuch Ulla
Reise-Tagebuch Ulla – teilweise sogar auf Portugiesisch!

Zum Sortieren meiner Gedanken schreibe ich schon lange auf Reisen ein handgeschriebenes Tagebuch. Während dieser Reise habe ich zum Teil sogar auf Portugiesisch geschrieben, einfach, um die Sprache weiter zu üben.

Was hat dir die Reise geschenkt?

Tagesrucksack am Meer
Nur mit Tagesrucksack war Ulla auf dem Camino Português unterwegs.

Vieles von dem, was ich schon gesagt habe. Vor allem die Liebe zum Sprachenlernen. Ich hatte vor der Reise in Hamburg, wo ich lebe, einen Portugiesisch-Wochenendkurs gemacht und danach einen Intensivkurs über zwei Wochenenden, damit ich die Sprache nicht verlerne. Das möchte ich unbedingt beibehalten und schaue schon fleißig nach neuen Kursen.

Die Reise hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, flexibel zu bleiben. Wie im Leben generell.

Freiheit und Freiräume sind das größte Geschenk für mich von dieser Reise.

Würdest du die Reise heute nochmal genauso machen?

Absolut! Und gern das nächste Mal ein wenig länger, zum Beispiel 6 Monate.

Zurück in Deutschland: Hattest du einen umgekehrten Kulturschock?

Schock wäre übertrieben. Ich war ja in Europa unterwegs, da sind die kulturellen Unterschiede nicht soooo groß, ein bisschen vielleicht schon.

Irritierend war es, im Juli wieder in meiner Wohnung in Hamburg zu sitzen und zu realisieren: „Jetzt bist du also wieder zurück!“. Zum Glück hatte ich da noch den Sommerurlaub im August vor mir. Erst als der Arbeitsalltag wieder losging, wurde mir klar, dass ich nun wirklich zurück in meiner alten Routine war.

Ausblick: Was wäre dein Tipp für jemanden, die:der überlegt, ein Sabbatical zu machen, sich aber noch nicht traut?

Ausschnitte der Cover von Ullas vier Reise-Tagebüchern
Ausschnitte der Cover von Ullas vier Reise-Tagebüchern: alle waren am Ende der drei Monate vollgeschrieben!
  • Es ist sicher gut, zuerst über eine kürzere Auszeit nachzudenken.
  • Einen Sprachkurs kann ich sehr empfehlen.
  • Man muss auch nicht gleich weit weg fahren, auch in Europa gibt es viele schöne Ziele, und der organisatorische Aufwand ist überschaubarer. Das ist ein leichter Einstieg, denke ich.
  • Bleib flexibel und schau, wonach dir gerade ist. Du kannst jederzeit zurück. Es ist deine Entscheidung.

Über Ulla In der Stroth

Ulla am Bahnhof Zaragoza Delicias
Ulla am Bahnhof Zaragoza Delicias in Spanien

Ich bin Ulla, Lehrerin aus Hamburg, Optimistin durch und durch und bekennender Zugfan. Neue Sprachen zu lernen fasziniert mich, am liebsten direkt dort, wo sie gesprochen werden. In Italien habe ich studiert, in England und Kanada gelebt und dabei gelernt, wie schön es ist, sich immer wieder neu einzuleben.

Ich bin viel unterwegs und nutze jede freie Minute, um Freund:innen zu treffen, die überall auf der Welt verstreut sind. Luxus brauche ich nicht, um glücklich zu sein. Ein gutes Gespräch, der Blick aufs Meer und ein heißer Kaffee machen mich zufrieden. Und wenn mal etwas anders läuft als geplant, bleibe ich gelassen: Dann gibt’s eben einen Galao und einen zweiten Versuch.

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